Der fehlende Buchstabe

Designer und Typographen atmen auf, aber eine Menge Leute werden sich jetzt die Haare raufen, denn nach vielen Jahren ist es endlich soweit: Aller Voraussicht nach wird das versale Eszett, also der fehlende Großbuchstabe zum scharfen S (ß) noch dieses Jahr offizieller Bestandteil der internationalen Zeichensätze Unicode bzw. ISO 10646, wahrscheinlich unter dem Codepoint “uni1E9E” im Block “Latin Extended Additional”.

Hintergrund ist die Tatsache, daß man beispielsweise das Wort “GROßBUCHSTABEN” nicht in eben solchen schreiben kann. Da das kleine ß deplaziert zwischen den restlichen Majuskeln wirkt, wird es in der Regel durch ein doppeltes S ersetzt, also “GROSSBUCHSTABEN”, früher auch durch SZ, also “GROSZBUCHSTABEN” (bei mehrdeutigen Begriffen wie “Maße” und “Masse” oder “Buße” und “Busse” bis 1996). Spätestens bei Eigennamen müßte man aber die ursprüngliche Schreibweise erraten, was bei amtlichen Dokumenten wie Ausweisen oder Geburtsurkunden natürlich ein Unding ist. Deshalb wird dort bisher immer das kleine ß verwendet.

Versales Eszett

Bemühungen um eine offizielle Anerkennung des großen Eszett gibt es schon seit mehr als 128 Jahren, und schon früher gab es eine Reihe von Schriften mit versalem scharfen S, aber keine von ihnen hatte es bisher ins Computer-Zeitalter geschafft. Wir werden uns also bald langfristig auf neue Tastaturen bzw. Tastaturbelegungen, Schriftenarten und alle damit verbundenen Probleme einstellen müssen. Einige Schriften mit Versal-Eszett gibt es bereits als (teils freie) Downloads, beispielsweise bei German Type Foundry oder bei Signographie.de. Unter beiden Adressen findet man auch weitere Informationen zum Thema:

Via: Süddeutsche – Kultur

Paul Cammack: Governing Global Capitalism

Essay zum Hauptseminar

Internationaler Währungsfond und Reform der Internationalen Fianazarchitektur

Sommersemester 2003, Sitzung vom 15.07.03)

Indem er Marx’ klassischen Historischen Materialismus als Ausgangspunkt seiner Analyse des Handelns von Weltbank und IWF nutzt, beweist Cammack, dass Marx’ Konzepte geschichtlich nicht überholt sind.
Hinter den ‘makroökonisch klingenden’ Regeln, die der IWF aufstellt, stecken oftmals handfeste Interessen. Auch zwischen den proklamierten Zielen (wie Armutsbekämpfung) und den Auswirkungen der Programme (zunehmende Proletarisierung), gibt es gewaltige Differenzen.
Obwohl Cammacks Übertragung des Histomat im grossen und ganzen geglückt scheint, ist mir seine Interpretation an einigen Punkten willkürlich. Den Begriff des Klassenkampfes verwendet er meiner Meinung mißbräuchlich. Abgesehen davon empfinde ich Sätze mit mehr als 160 Wörtern als Zumutung für den Leser.
Interessant finde ich aber folgende (theoretische) Überlegung:
Wenn die Trennung von Arbeit und Produktionsmitteln das Zeitalter des Kapitalismus eingeleitet hat, ist dann die jetzt beobachtete Lösung des Kapitals an den Finanzmärkten von den ‘realen’ Arbeits- und Warenmärkten der Auftackt zu einer neuen Periode eines – nennen wir es mal – globalisierten Super-Kapitalismus?

Rainer Falk: Die Reform des Internationalen Währungsfonds

Essay zum Hauptseminar

Internationaler Währungsfond und Reform der Internationalen Fianazarchitektur

Sommersemester 2003, Sitzung vom 08.07.03

Rainer Falk macht eine Vielzahl sehr konkreter Vorschläge zur Reform des IWF, wenngleich er auch anmerkt, dass viele der Vorschläge vom heutigen Standpunkt aus unrealistisch erscheinen.
Die wohl grundlegenste Reform ist im Bereich der Governance notwendig. Erst sie ermöglicht die ‘technischen’ Veränderungen beispielsweise in der Ordnungs-, Währungs- und Liquiditätspolitik.
Was aber die Chancen auf eine Umsetzung betrifft, so bin ich sehr skeptisch. Das „Roll-Back“ der Bush-Administration ist unübersehbar, und auch bei anderen (G7-)Ländern kann ich wenig Bereitschaft zu Veränderungen erkennen. Schließlich würden bei der skizzierten Reform mit Ausnahme Japans alle G7-Nationen prozentual sogar stärker verlieren als die Vereinigten Staaten. Der „neoliberale Mainstream“ gewinnt also an Einfluss und forciert Prozesse, die sich verselbständigen und eine starke Eigendynamik entwickeln.
Wie also sollen die Enwicklungs- und Schwellenländer ihre Interessen und Handlungsspielräume wahren? Das Argument der Legitimität und Representativität wird jedenfalls kaum ausreichen, um die Industrienationen davon zu überzeugen, ihre strukturelle Vormachtstellung aufzugeben.

John Smith & Bernard M. Wolf: A world central Bank?

Essay zum Hauptseminar

Internationaler Währungsfond und Reform der Internationalen Fianazarchitektur

Sommersemester 2003, Sitzung vom 01.07.03

Die Idee einer Weltwährung unter der Regie einer Weltzentralbank ist mehr als utopisch, fraglich ist auch, ob eine Weltwährung überhaupt sinnvoll wäre: Die Autoren des Textes weisen darauf hin, dass alle Mechanismen, die es einer “kleinen bis mittleren Volkswirtschaft ermöglichen, ihre wirtschaftlichen Ziele zu beeinflussen” (nicht: “bestimmen”), noch einer nationalen Währung bedürfen. Leider verraten sie uns an dieser Stelle nicht, wie diese Mechanismen denn aussehen sollen.
Die zweite Gruppe von Vorschlägen lehnt sich an das Konzept der ICU der Bretton-Woods-Systems an. Damit ist sie meiner Meinung nach aber eher Geschichte als Zukunft, denn wer will heute wieder zurück zu Bretton-Woods?
Als letzte Alternative bliebe noch die hegemonische Variante. Der einzig realistische Vorschlag, so realistisch, dass er keine Alternative sein kann als vielmehr eine Beschreibung des Status Quo.
Nach der Lektüre des Textes drängt sich mir der Eindruck auf, dass es in absehbarer Zeit keine Reform der internationalen Finanzinstitutionen geben wird. Dann aber ist aber zu befürchten, dass Wachstum und Funktionieren  nationaler Volkswirtschaften mehr und mehr zu einem “Nebenprodukt” der Kapitalmärkte wird. Ist das die neue Welt(un)ordnung?

Susan Strange: Casino Capitalism

Essay zum Hauptseminar

Internationaler Währungsfond und Reform der Internationalen Fianazarchitektur

Sommersemester 2003, Sitzung vom 17.06.03

Die Gründe für die Veränderungen der weltweiten Finanzmärkte sieht Strange in einer Reihe von Entscheidungen haupsächlich der amerikanischen Regierung, die sie im zweiten Kapitel ihres Buches bereits aufgezählt hat (vgl. dazu auch Strange 1998 S. 5-9). In diesem Abschnitt möchte sie alternative Interpretationen aufzeigen, die die Ursache der Entwicklungen nicht in der Finanz- oder Geldpolitik verorten.
Diese Interpretationen lassen sich in zwei Gruppen unterteilen: Die deterministische(n) Variante(n) bietet/n keine wirkliche Erklärung und verweist/en auf technischen Fortschritt oder andere Rahmenbedigungen, die die Handlungen der Politik diktierten. Für andere ist schlechte Wirtschafts- insbesondere Handelspolitik die Ursache.
Ich möchte an dieser Stelle nicht auf die unterschiedlichen Personen und Interpretationen eingehen. Einzig die (post-)keynesianistischen Ansätze von Triffin und Minsky scheinen mir interessant, insbesondere Minsky, weil er keine “Schuldzuweisung” vornimmt und eine systemimmanente Erklärung sucht.
Wir werden wohl kaum klären können, ob es Alternativen zu den von Strange angeführten Entscheidungen gab. Könnten wir deshalb versuchen, die Rolle des Kreditwesens im Kontext des Edmund-Textes noch einmal zu beleuchten?

Hansjörg Herr: Keynes und seine Interpreten

Essay zum Hauptseminar “Internationaler Währungsfond und Reform der Internationalen Fianazarchitektur“, Sommersemester 2003, Sitzung vom 03.06.03

Der Aufsatz von Herr bietet einen guten Einstieg in die Interpretation Keynes. Dabei ist zu betachen, dass die Interpretationen deutlich voneiander abweichen, weil unterscheidliche Schwerpunkte gesetzt oder Teile von Keynes Werk ausgeblendet werden.
Keynesianismus wird meist auf die Fiskalpoltik beschränkt. Von Seiten neoliberaler und neoklassischer Interpreten wird Keynes sogar eine Tendenz zu sozialistischen Wirtschaftmodellen unterstellt. So ist es nicht verwunderlich, dass der Keynesianismus nach dem 2. Weltkrieg, spätestens aber seit Ende des Bretton-Woods-Systems und Beginn der grossen Globalisierungswelle, weitgehend aus der wissenschaftlichen Diskussion verdrängt wurde.
Meiner Meinung nach ist der keynesianistische Ansatz nach wie vor aktuell, er leistet bei der Analyse ökonomischer Vorgänge gute Dienste und erklärt Phänomene, vor denen andere Ansätze wie die Klassik oder Neoklassik kapitulieren müssen.
Allerdings wird auch deutlich, dass die Leistungen, wie bei allen theoretischen Modellen, begrenzt sind. Warum gibt es dann statt der vorherrschenden neoklassischen Interpretation aber keine Weiterentwicklung des Keynesianismus (gerade nicht im Sinne des Neo- oder Neu-Keynesianismus), die das Paradigma der Globalisierung stärker berücksichtigt?

Susan Strange: Mad Money. When markets outgrow governments

Essay zum Hauptseminar

Internationaler Währungsfond und Reform der Internationalen Fianazarchitektur

Sommersemester 2003, Sitzung vom 20.05.03

Strange erklärt den von ihr geprägten Begriff des ‘Kasino-Kapitalismus’ und zählt Entscheidungen auf, die ihrer Meinung nach für dessen Entstehung verantwortlich sind. Dabei verweist sie immer wieder auf ihr Erfolgswerk ‘Casino Capitalism’ von 1986, in der sie viele Entwicklungen dieser Entwicklungen bereits vorhergesagt hatte.
Ausgangspunkt von Stranges Überlegungen ist die Frage, ob sich eine Krise wie die Weltwirtschaftskrise von 1929/30 wiederholen kann. Dazu stellt sie kurz verschiedene Standpunkte und Positionen vor, von angesehen Ökonomem wie Charles Kindleberger bis zu Paul Erdmann, einem Autor von Finanz-Trillern. Strange schließt sich stillschweigend den ‘Pessimisten’ an, die Zusammenbruch und erneute Krise für möglich halten, und vertritt eine eher keynsianistische Position, die der vorherrschenden neoliberalen widerspricht. Der keynsianistischen Interpretation nach war die Weltwirtschaftskrise zu einem wesentlichen Teil eine Krise der Finanzmärkte. Daraus schließt sie, dass die Wahrscheinlichkeit in einer Kasino-Wirtschaft mit deregulierten Märkten sogar zunimmt.
Unbestreitbar bleibt, dass die Risiken minimiert werden müssen. Zwei wichtige Wege dazu wären schärfere Standards für den Bankensektor und ein internationales Insolvenzrecht. Es bleibt allerdings fraglich, ob sich diese Forderungen mehrheitsfähig sind.

Mario Giovanoli: A New Architecture of Global Financial Market

Essay zum Hauptseminar

Internationaler Währungsfond und Reform der Internationalen Fianazarchitektur

Sommersemester 2003, Sitzung vom 13.05.03.

Giovanoli geht es in diesem Kapitel hauptsächlich um die rechtlichen Rahmenbedingungen einer globalisierten Wirtschaft. Er zeigt, welche Entwicklungen es gibt, welche Aktuere damit beschäftigt sind, neue Standards zu schaffen und wie sie versuchen, ihre jeweiligen Interessen durchzusetzen.
Eine Reform wird allerdings langwierig und schwierig werden: Bei der Unmenge von Akteuren mit nur vage umrissenen Kompetenzen scheint effizientes Arbeiten unmöglich und ihre verschiedenen Interessen werden nur schwer auszugleichen sein. So wird statt eines umfassenden international verbindlichen Gesetzeswerkes wohl kaum mehr als eine Sammlung gut gemeinter Selbstverpflichtungen herauskommen, deren Anerkennung und Umsetzung jedem Staat selbst überlassen bleiben.
Auch die Legitimation des Reformprozesses wird einmal mehr infrage gestellt. So wird beispielsweise darauf hingewiesen, dass die G7-Nationen annähernd die Hälfte der Stimmen im IWF besitzen. Eine politisch wie geografisch gerechtere Verteilung würde jedoch die Reformen noch schwieriger machen.
Reicht das Konzept des ‘Soft Law’ aus, um den internationalen Finanzmärkten wieder Struktur und Kontrolle zu geben?

Wolfgang Filc: Die Schaltzentrale der Globalisierung – der Internationale Währungsfonds

Essay zum Hauptseminar

Internationaler Währungsfond und Reform der Internationalen Fianazarchitektur

Sommersemester 2003, Sitzung vom 06.05.03.

Nach einer ebenso anschaulichen wie überflüssigen Schilderung des äußeren Erscheinungebildes von IWF und Weltbank wendet sich Autor Wolfgang Filc der Geschichte beider Instititionen zu. Dabei zeigt er den Paradigmenwechsel, der mit dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems 1971 einher ging, deutlich auf und weist auf die institutionelle wie personelle Vormachtstellung der Vereinigten Staaten im Währungsfonds hin.
Die Mexiko-Krise markiert 1982 einen weiteren Bruch in der Geschichte des IWF: Nie vorher haben die USA so massiv ihre eigenen Interessen vertreten, auch gegen den Willen anderer Mitgliedsländer. Seit 1982 jedoch gibt es eine Entwicklung, die den Währungsfonds mehr und mehr als das ‘Politbüro’ – wenn nicht der USA, dann doch der Industrienationen, je nachdem, wie groß mal wieder der Konsens war – zur Durchsetzung politischer Interessen mit wirtschaftlichen Mitteln erscheinen lassen.
Der IWF hat ein gewaltiges Legitimationsdefizit: Zu der fehlenden Kontrolle kommen Bürokratie und ‘Korpsgeist’, die einen pluralistischen politischen Wettbewerb verhindern, der Konsens des Denkens (‘Washingtoner Konsens’) heißt Marktfundamentlismus.
Was also ist der IWF: Notwendiger Schützer der Wirtschaft oder Versicherungsschutz für die Anleger aus reichen Ländern?

Macht und Widersprüche in Staatstheorien

Prof. Dr. Brigitte Young – Grundkurs IV Vergleichende Politikwissenschaft, WS1999

  Pluralismus Institutionalismus Klasse
Situationamacht
Spezifische Strategien um politische Entscheidungen zu beeinflussen Wähler und andere Gruppen konkurrieren um politschen Einfluß Eliten in politischen Institutionen setzen Ressourcen für wichtige Entscheidungen ein Kapital und Arbeiter; kämpfen in historischen; Momenten
Strukturelle Macht      
Die interne Organisation des Staates Der Staat ist ein sehr differenziertes Mosaik von Institutionen und Programmen offen für Lobbyaktivitäten Der Staat ist eine autonome, herrschaftliche, technokratische Institution mit gesetzlicher Autorität, verhandlungsfähig mit privaten Organisationen Der Staat hat eine bestimmte Form, die die kapitalistischen Verhältnisse reproduziert
Systemische Macht      
Die gesellschaftlichen Funtionen des Staates Ein konsensuales Wertesystem definiert die Grenzen der Staatsaktionen Eine komplexe, verändernde Gesellschaft erzeugt technische und ressourcen-constraints für den Staat Kapitalistische Tendenzen in Bezug auf ökonomische und politische Krisen begrenzen die Hegemonie des Staates und des Kapitals

Quelle: Alford und Friedland, Powers of Theory, S. 10

* Während des Wintersemsesters 1999 habe ich Frau Prof. Young ein wenig bei Ihrem Grundkurs IV der Vergleichenden Politikwissenschaft mit Folien und bei ihrer Webseite unterstützt. Diese Materialien habe ich später nach und nach ins Blog gestellt.